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Schweizer Hunde Magazin
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Schweizer Hunde Magazin 6.92
Mit «Hundemeute» unterwegs

Zehn Hundeköpfe - gelockt oder glatt, lang- oder kurzhaarig, schwarz weiss oder mit zwei- bis dreifarbigem Design - tauchen gleichzeitig auf, als sich die Hecktür des geräumigen Transporters öffnet. Die Köpfe mit den erwartungsvoll glänzenden Augen gehören zu zehn Hunden aller Rassen, Grössen und Temperamente. Vom zottigen Mischling bis zur selbstbewussten Tibetanischen Tempelhündin ist alles vertreten in dieser bunt gemischten Hundegesellschaft. Friedlich teilen sie sich den Raum im Transporter des Hunde-Spazierdienstes PUWO (Abkürzung für «pudelwohl»).

Von Vorteil für Hunde und Besitzer

Wie kam Thomas Richli, der diesen «Dienst an Hunden» leistet, auf die Idee, Hunde aus Basel und Umgebung täglich oder an bestimmten Wochentagen bei ihren verschiedenen Meisterinnen und Meistern abzuholen um dann mit dem ganzen Rudel ausserhalb der Stadt zu spazieren? «Ich hatte einen Job bei dem für meinen Hund Taiger einfach zu wenig Zeit blieb. Zwar konnte ich ihn zur Arbeit mitnehmen aber es war für ihn dort ziemlich langweilig. Leider gibt es viele Hunde, die tagsüber sogar alleingelassen werden müssen oder die zum Beispiel wegen körperlicher Behinderung, Erkrankung, Stellenwechsel usw. ihres Halters nicht genügend Auslauf bekommen», sagt Thomas Richli. «Mit meinem PUWO-Dienst möchte ich solchen Hunden die nötige Bewegung verschaffen und ihnen Gelegenheit geben, sich zu versäubern, aber auch ihre übrigen Bedürfnisse wie z.B. Sozialkontakt mit Artgenossen zu befriedigen:

Die Hunde können neugierig herumschnüffeln und mit anderen Hunden spielen. «Der Kontakt mit seinesgleichen ist für jeden Hund enorm wichtig», erklärt Thomas Richli, «nur dann kann sich sein Verhalten artgerecht entwickeIn oder aufrecht erhalten werden.» Auch Richlis eigener Hund, der aufgeweckte Abrico-Pudel Tiger englisch «Taiger» - ausgesprochen profitiert davon, dass er sämtliche Spaziergänge mitmachen darf und dabei durch sein ausgeglichenes, folgsames Verhalten auffällt.

Für Susanne Codoni, Logopädin aus Basel und Besitzerin des lebhaften Lakeland-Terriers Joker, war die Existenz eines solchen Spazierdienstes sogar Vorbedingung für die Anschaffung eines Hundes. «Mein Beruf beansprucht mich so sehr, dass ich auf eine derartige Hilfe angewiesen bin. Ich kann bei beruflicher Abwesenheit mit Herrn Richli wenn nötig auch kurzfristig eine zusätzliche Tour für Joker vereinbaren und ihm den Hausschlüssel hinterlassen - der PUWO-Fahrplan ist sehr flexibel gestaltet, und sein Organisator ist äusserst zuverlässig. Das ist genau das, was ich brauche!

Sie fährt fort: «Thomas Richli ist unheimlich lieb, aber zugleich sehr konsequent mit meinem Joker.» Die Terriers sind ja bekanntlich sehr ungestüme Hunde, und ihre Haltung kann deshalb mit Problemen verbunden sein. Durch das regelmässige Zusammensein mit anderen Hunden seit dem zarten Alter von fünf Monaten wurde der «Jolly Joker» zunehmend ausgeglichener. «Er kann seinen Spieltrieb ausleben und ist dann zu Hause ein sehr angenehmer Zeitgenosse», erzählt Susanne Codoni, «und ich habe das Gefühl, dass mein Joker dadurch ein glücklicher Hund ist.» Überdies, so betont sie, profitiere sie und Joker von Herrn Richlis reicher Erfahrung als Hundepädagoge.

Thomas Richli muss sich aber auch mit kritischen Äusserungen auseinandersetzen: Leute, die nicht genug Zeit für Spaziergänge aufbringen können, sollten keinen Hund halten, wurde ihm schon gesagt. Er ist jedoch der Ansicht, dass gerade jene Hundehalter, die seinen Dienst beanspruchen, sicher ganz besonders um das Wohl ihrer Vierbeiner besorgt sind. «Sonst würden sie ja die Kosten dieser Dienstleistung nicht auf sich nehmen», hält der PUWO-Leiter fest. Der PUWO-Spazierdienst ist gut organisiert: Zweimal am Tag, vor- und nachmittags, sammelt der Transporter die Hunde an ihren verschiedenen Domizilen ein.

Der Transporter ist ein auch innen leicht zu reinigendes Spezialfahrzeug. Ausgestattet mit einer rutschfesten Bodenmatte aus Gummi sowie mit einer aufwendigen Heizungs- Lüftungsanlage und vollständig isoliert was bedeutet, dass es im Wagen nicht unangenehm heiss wird.

Mit einem umfangreichen Schlüsselbund bewaffnet, startet Thomas Richli seine Sammelfahrt, holt zuerst einen nur fünf Monate alten, aber hochintelligenten Mischling Pepsi, dann den unverfrorenen Terrier Joker, einen gefügigen Schäferbastard sowie eine selbstbewusste Lhasa-Apso-Dame Maiti bei ihren jeweiligen Besitzerinnen und Besitzern ab.

Der gewichtige Schlüsselbund tritt dann in Aktion, wenn die Besitzer abwesend sind. Als nächste Passagierin hievt sich ein etwas zu schweres Bobtail-Weibchen ins Hundeabteil.

Beim fünften Halt rast der rote Cockerspaniel Woody begeistert den Gartenweg entlang zum wartenden Auto, nimmt dann seinen gewohnten Aussichtsplatz am Heckfenster ein. Auf diese Weise kommt pro Tour eine Gruppe von durchschnittlich zehn Hunden zusammen, die im hinteren Teil des Transporters liegen oder sitzen, bis der Ausgangspunkt für den Spaziergang - meist ein abgelegener Waldweg - erreicht ist. Je nach Charakter rasch oder langsam, ungestüm oder vorsichtig springen die Hunde aus dem Transporter und folgen ohne Leine ihrem «Führhund» Thomas Richli, der nun den Spazierweg unter die Füsse nimmt. Vor, hinter und neben ihm setzen sich seine Schützlinge in Bewegung, einige ununterbrochen rennend oder miteinander spielend, andere bedächtig schnuppernd, die Hundezeitung am Wegrand lesend.

Natürliche Harmonie im Rudel

«Im Rudel bricht normalerweise keine ernstzunehmende Rauferei aus», versichert Thomas Richli, «auch wenn grosse und kleine Hunde beisammen sind. In der Regel fügen sich selbst Neulinge sehr schnell in die Gruppe ein. Ein etwaiges Gerangel muss man die Hunde unter sich austragen lassen, solange keine ernsthaften Verletzungen zu befürchten sind. Das ist aber bei normal veranlagten Hunden kaum je der Fall, jeder weiss genau, wie weit er bei solchen Auseinandersetzungen gehen kann. Sobald eine klare Rangordnung hergestellt ist, läuft alles reibungslos ab.

Allerdings muss ich wirklich aggressive Tiere für den Spazierdienst ablehnen!

Da im Rudel immer etwas los ist, haben die einzelnen Hunde auch keine Lust davonzulaufen, ja das Risiko, dass einer verschwindet, ist sogar kleiner, als wenn der Meister oder die Meisterin allein mit dem Hund ausgeht.

Natürlich muss ich vor dem ersten Spaziergang mit einem neuen Hund, mit dem Halter reden, um nicht nur den Namen des Hundes, sondern auch seine Eigenarten und Marotten kennenzulernen. Denn ich muss ja richtig darauf reagieren können. Vielleicht darf ein Hund nicht ins Wasser, weil er einfach nicht mehr an Land kommen will oder ein anderes Tier liebt Kinder so sehr, dass es nicht mehr von ihnen wegzubringen ist.

Auf heikle Situationen muss man immer gefasst sein und darf nie die Nerven verlieren. So schnappte sich einmal der Rudelchef Zoro (Gordon Setter) während eines Spaziergangs die Badehose eines Ausflüglers, die im Gras lag, und rannte mit seiner Beute triumphierend davon, dabei konnte man nur Herzhaft lachen. Im allgemeinen gibt es aber keine Schwierigkeiten, und wenn ich andere Spaziergänger antreffe, fallen deren Reaktionen meist positiv aus. Die meisten sind angenehm überrascht angesichts der friedlichen, gelösten Atmosphäre, die in meiner Hundemeute herrscht.»

Auf der Rückfahrt verhalten sich die Vierbeiner sehr ruhig; müde und zufrieden nach dem Umhertollen im Freien liegen sie beieinander, bis sich der Transporter ihrem jeweiligen Heim nähert. Schon hält sich die Beagle-Hündin Chicca startbereit, als das Auto nicht weit vom Arbeitsort ihrer Meisterin anhält. Terrier Joker kneift sie beim Aussteigen noch rasch und unverschämt ins Hinterteil. Er wird angebunden, damit er keine weiteren «Aussteiger» mehr behelligen kann.

Gut organisierter Service für alle HundehaIter

So wie das Einsammeln, muss auch das Zurückbringen der Hunde rationell vor sich gehen, die Fahrroute so gestaltet werden, dass so wenig Zeit wie möglich gebraucht wird um nicht in den Haupt-Verkehrszeiten mit den Hunden im Stau zu stehen.

Die Cockerspaniel-Hündin Sascha muss in den ersten Stock gebracht werden, da die Besitzerin behindert ist. Auch Woody trifft wohlbehalten wieder in seinem Heim ein, von Thomas Richli per Schlüsselbund eingelassen.

Nicht nur eitel Wonne

So unbeschwert diese Hunde-Spaziergänge wirken mögen, ganz sorgenfrei ist ihr Initiator und Organisator nicht. Unter anderem befürchtet Thomas Richli, dass auch in Basel und Umgebung über kurz oder lang der Leinenzwang für Hunde eingeführt wird. Problematisch ist für den Spazierdienst auch die Setzzeit der Rehe in der absoluter Leinenzwang herrscht. Er macht sich keine Illusionen über ein eventuelles Entgegenkommen der Behörden für seinen PUWO-Dienst. Schon seit geraumer Zeit sucht er deshalb ein geeignetes, einzäunbares Gelände oder - noch besser - ein etwas abgelegenes Haus mit Umschwung in der Region Basel. Der bestehende Spazierdienst und zusätzlich ein Tagesheim für Hunde seien ein echtes Bedürfnis bei Hundehalterinnen und -haltern.

Eine weitere Sorge bildet die Kostenfrage: Im Interesse der Kundschaft wie auch der Hunde möchte Thomas Richli seine Dienstleistungen so günstig wie möglich anbieten: «Ich kann doch nicht Phantasiepreise verlangen, schliesslich muss diese Hilfe für den einzelnen Hundehalter noch bezahlbar sein.» Andererseits spürt auch PUWO die gegenwärtige Kostenexplosion. Mit den laufenden Einnahmen kann deshalb ein eigentlich nötiger Ausbau der Dienstleistungen nicht erwirtschaftet werden. Zusätzliche Spaziertouren, ein Wochenend-Service usw. würde die Mithilfe eines geeigneten Betreuers/in und die Anschaffung eines zweiten Spezial-Transporters für Hunde bedingen was enorme Kosten verursachen würde.

Es stellt sich daher die Frage, ob für eine solche Ausdehnung und Verbesserung der Dienstleistungen nicht Spenden, Gönner-Beiträge oder ein Sponsor eine Lösung wären, dies besonders auch im Hinblick auf Hundebesitzer mit beschränkten finanziellen Möglichkeiten, die den PUWO-Dienst beanspruchen möchten und im Interesse des Hundes sogar sollten. Eine derartige Umstrukturierung der finanziellen Basis muss aber gut überlegt sein. Vorerst bleibt Thomas Richli bei seinem noch gut überblickbaren Kundenkreis, der etwa vierzig Hunde umfasst. «Ich kann mich gegenwärtig damit über Wasser halten», meint er achselzuckend, die ihm anvertrauten Hunde leben auf jeden Fall gut dabei.

Lislott Pfaff
Schweizer Hunde Magazin 6.92
Zuletzt aktualisiert am Montag, den 28. Juni 2010 um 10:33 Uhr
 
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